Für den Kunstverein in Hamburg entwickeln Gert & Uwe Tobias (* 1973 in Brasov, Rumänien, leben in Köln) eine Installation, die den Ort in seiner räumlichen Gesamtheit zu einem fantastischen Kopfraum werden lässt: Vom Foyer, über das Treppenhaus in beide Ausstellungsräume hinein, das heißt auf einer Gesamtfläche von 1.300 qm, erstrecken sich ihre Arbeiten von Januar bis April 2012. Danach wird nach und nach ein Teil ihrer Installation verschwinden und Platz machen für die Präsentationen weiterer , bis am Ende des Jahres nur noch Foyer und Treppenhaus erhalten sind.
Die beiden Brüder arbeiten seit Ende ihres Studiums gemeinsam an Zeichnungen, Keramiken und Holzschnitten, die sie zu Gesamtinstallationen zusammenfügen, die oftmals über farbige Wände und räumliche Eingriffe zusammengehalten werden. Aber nicht nur äußerlich sind sie verbunden, sondern auch auf der Ebene der Motivik. In jedem ihrer Medien spüren sie den Ausgeburten surrealer Vorstellungen und Fantasien nach.
Zumeist sind es Figuren, die zwar dem Menschlichen nahe stehen, sich aber andererseits weit von ihm entfernen. Teils wachsen diese Protagonisten aus vasen- oder gefäßartigen Einzelteilen prekär in die Höhe, manch einer braucht gar einen Stock, um sich auf den Beinen zu halten, teils sind Magazinteile in die Zeichnungen hineincollagiert, die Teile des Körpers ersetzen. Hierdurch entsteht eine Form der Abstraktheit, wie sie der Fantasie eigen ist, verkürzt an mancher Stelle und weitet sich an anderer ins Unermessliche aus. So die auf diesen Konstrukten aufsitzenden Köpfe, die Hörner tragen oder sich durch lange, triefende Nasen auszeichnen.
Folkloristische Motive entspringen aus kollektiven gesellschaftlichen Strukturen, ihren Erinnerungen und Überlieferungen. So greifen Gert & Uwe Tobias auch manches Mal auf ein Strickmusterbuch ihrer Mutter zurück. Eine domestizierte Motivik, die die beiden in ihre Holzschnitte und ihre Schreibmaschi-nenzeichnungen übertragen. Beides sind vermittelte Arbeitsweisen, die aufwändig und durch Überlappung funktionieren. Ihre Holzschnitte entstehen im Puzzledruck, einem Verfahren, das aus einer Anzahl von Druckstöcken das eigentliche Bild zusammensetzt. Von jedem Holzschnitt entstehen, der Idee der Massenreproduktion entgegengesetzt, gerade einmal zwei Drucke. Jeder Ausstellung stellen Gert & Uwe Tobias ein Plakat voran, das dem Betrachter im Raum, wie ein Hinweisschild aufgestellt, begegnet. Wie der Umschlag eines Buches eröffnet es dem Betrachter den surrealen Raum, in dem sich die Narration der Einzelelemente entfaltet.
Auch den ebenfalls kleinformatigen Zeichnungen mit ihren verwischten Konturen ist eine traumhafte Qualität zu Eigen. Die Skizzen und Zeichnungen wirken wie Vorarbeiten für die Holzschnitte und sind Etappen auf dem Weg zu immer größerer Abstraktion, bis das Motiv in seiner grafischen Form umsetzbar wird. So ist es kein Zufall, dass auch das Schriftzeichen als grafische Abstraktion par excellence in ihren Arbeiten immer wieder auftaucht. Das zunächst Ungeformte und latent Vorhandene erfährt in Form des Musters eine immer stärkere Konventionalisierung. Aber eben auch eine Abstrahierung, die wiederum dem Träumerischen sein Zuhause gibt.
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag und an Feiertagen 12 – 18 Uhr
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Alexandra Bircken
Der Titel "Hausrat" lässt sich im Kontext der Ausstellung durchaus wörtlich verstehen: Die Ausstellungshalle bevölkert eine Vielzahl von Objekten, die entweder direkt aus dem häuslichen Umfeld entnommen sind (z. B. Bügelbrett, Schlittenkufen oder Teppich), mit gewissen heimischen Assoziationen spielen oder das Häusliche vielmehr im Sinne eines Behausens verstehen lassen. Auch Überbleibsel, die gemeinhin als Müll gelten, finden sich in veränderter und bearbeiteter Form wieder: In Latex dauerhaft konservierte, zusammengekehrte Abfälle, getrocknete Früchte oder Blätter werden zu Stillleben kombiniert und ergeben eine Art Bestandsaufnahme. Dem Häuslichen entnommen sind auch die verschiedenen GetaLit-Platten (spezielle Schichtstoffplatten). Ihrem ursprünglichen Kontext entzogen, an die Wände des Ausstellungsraumes montiert, wandeln sich die einmal Holz, einmal Stein imitierenden Küchenarbeitsplatten zu einer Behauptung von Autonomie, die durch die abstrahierte Mimikry des vorbildhaften Materials in Form eines idealtypischen Musters latent absurd wird. Die Präsentation der großflächigen Platten direkt auf der Wand, verleiht ihnen eine Bildhaftigkeit und erinnert an monochrome Malerei. In ihrer bildnerischen Monotonie und ohne materiellen künstlerischen Eingriff stehen sie im Gegensatz zu anderen Arbeiten der Ausstellung, die zwar auch Materialitäten und Oberflächen nutzen, diese aber frei verwenden, mit anderen Materialien kombinieren und einer Transformation unterziehen. In den Skulpturen von Alexandra Bircken (* 1967, lebt in Köln) spielen Materialien eine außerordentliche Rolle. Es sind vor allem "arme" Reststoffe oder klassische Konstruktionsmittel, die durch Prozesse handwerklicher Arbeit zu einer neuen Funktion verwoben werden. Neben modellierbaren Materialien wie Wolle, Textilien oder Mörtel verwendet sie auch objets trouvé aus der Natur oder der Alltagswelt. Sie fungieren einerseits als eine Art "Text", der eine Vielzahl von Implikationen, gesellschaftlichen Distinktionen oder Symboliken vereint. Andererseits sind sie auch archetypische Texturen. Ein "Stoff" kann als Membran ganz unterschiedliche umhüllende Funktionen erfüllen – als Bekleidung und als Behausung ebenso wie als Segel -, kann Verschiedenstes verweben und auf ganz stoffliche Weise taktile wie psychologisch unterschiedliche Eigenschaften in sich tragen. Die Arbeit "Cagey" (2012) wird durch eine gewebte Außenhaut aus Mörtel, Stoffstreifen sowie Kleidungsstücken zu einem archaischen Zelt, das Schutz anbietet, Wärme suggeriert und doch filigran und porös wirkt. Auf Rollen montiert ist die Skulptur potentiell beweglich – ebenso wie "Chariot" (2012), bei der ein altes Skateboard und ein gebrauchter Fahrradrahmen als Träger für unterschiedliche Fundstücke wie Stroh, Gummireste oder Kohle dienen – auch wenn sie scheinbar in der Ausstellung gestrandet erscheint. Indem Bircken Künstliches und Natürliches, Hartes und Weiches unhierarchisch zusammenbringt oder miteinander verwebt, thematisiert sie Gegensätze und Rollenmuster, die auch für den Menschen ihre Netze auslegen, einen gefangen halten und nicht mehr loslassen. Das textile Spinnennetz, in dem sich unterschiedliche Gegenstände wie Kinderspielzeug, Kleidungsstücke oder Äste und Steine verfangen, ist ein häufig wiederkehrendes Motiv ihrer Arbeiten. Dabei steht die Form und Funktion des einzelnen Fundstücks tendenziell im Hintergrund und wird über sich selbst hinaus geführt.
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag und an Feiertagen 12 – 18 Uhr
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Eröffnung: Mittwoch, 16. Mai 2012, 19 Uhr mit einem Gespräch zwischen Florian Waldvogel, Gabi Dziuba und Jonathan Johnson Laufzeit: 17. - 30. Mai 2012 "Ich glaube, jede Zeit hat ihre eigenen Ausdrucksformen, ihre Ideen und Absichten. Das wird in der Kunst reflektiert und in der Mode, in der Literatur, in der Philosophie. Ich denke, Schmuck sollte das ebenso." (G. Dziuba) Mit Gabi Dziuba (*1954, lebt in Berlin und München) und Jonathan Johnson (* 1976, lebt in Hamburg) präsentiert der Kunstverein Hamburg zwei Goldschmiedemeister, die Schmuckdesign als künstlerische Disziplin verstehen und sich selbstbewusst zwischen high and low positionieren. Beeinflusst durch Alltagskultur, Musik, Mode und Kunst entwerfen sie Objekte mit einer eigenen Geschichte, die weit entfernt sind vom kostbaren Accessoire. Vielmehr definieren sie die Rolle des Schmuckträgers neu und machen ihn zu einem Co-Designer. Denn erst durch das öffentliche Auftreten und Zeigen wird der private Schmuck zu einer Haltung und einer – vielleicht politischen – Aussage. Schon in einer frühen Phase der Gestaltung beziehen beide die späteren Schmuckträger intensiv mit ein. Diese Offenheit gegenüber neuen Ideen und Ansätzen zeigt sich in der engen Kooperation mit Musikern oder zeitgenössischen Künstlern. So arbeitet Gabi Dziuba seit Ende der 1980er Jahre häufig mit Künstlern wie Günther Förg, Martin Kippenberger, Hans-Jörg Mayer, Heimo Zobernig oder Andreas Hofer zusammen. Nicht nur in Bezug auf konkrete Objekte, sondern auch bei Ausstellungspräsentationen oder Kataloggestaltungen. Und auch Jonathan Johnson entwirft regelmäßig in engem Austausch mit Künstlern wie Franz Ackermann, Bruce LaBruce, Bobby Conn, Rocko Schamoni oder Angie Reed Ringe, Anhänger oder Manschettenknöpfe. Dabei greifen beide immer wieder auf alltägliche oder banale Gegenstände zurück, die, vergoldet oder mit edlen Steinen versetzt, goldschmiederische Tabus und Grenzen überschreiten. So werden Fußbälle, Eimer, Kuhglocken, Schlüssel oder Cheeseburger durch ihre Bearbeitungen zu einem ironischen Kommentar auf die Exklusivität klassischer "Schmuckstücke". Besonders deutlich wird das am Beispiel eines Kettenanhängers in Form des Wortes "Scheisse". Sowohl Dziuba als auch Johnson haben im Abstand von mehr als 10 Jahren einen solchen Anhänger entworfen. Während der weißgoldene und mit Diamanten besetzte Anhänger von Gabi Dziuba aus dem Jahr 1996 eine raue Oberfläche aufweist, glänzt die glatte und geschwungene Oberfläche des Anhängers von Jonathan Johnson und lässt schnell Assoziationen zum protzigen Schmuck der Hip Hop Szene aufkommen. In beiden Fällen ruft das Schmuckstück Irritationen hervor, ist Provokation und Ausdruck einer eigenständigen Haltung. Und sei es nur durch ihren Träger wie den Musiker und Autor Rocko Schamoni, bei dem der Kontrast zur Hip Hop Attitüde größer nicht sein könnte. Gleichzeitig öffnen Dziuba und Johnson das Schmuckdesign für neue und ungewöhnliche Formen, Stile und zeitgenössische Einflüsse. Sie bewegen sich damit auf einer kreativen Gratwanderung zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk. Gerade diese produktiven Schnittmengen in unterschiedlichen Feldern und Disziplinen will der Kunstverein mit der Serie der "Intermedians" vorstellen.
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